Über Dr. Alfons Kraus (+)

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148: Der „Waldfrieden“

Seit dem Herbst 2012 präsentiert sich der Waldfrieden als neugeborener Landgasthof, der aus der Asche auferstanden ist. Er ist ein würdiger Abschluss des Kurparks am süd-westlichen Ende! Letzterer besitzt seit einem Jahr ein ansehnliches Outfit.

Waldfrieden 2012
Waldfrieden 2011

Es wird noch einige Mühe und viel Geld kosten, bis das Ambiente rund um das einladende Lokal, bis hin zum Tunnel durch den Mühlberg, über den ganzen Geländestreifen den Berg herunter bis zur Ortseinfahrtsstraße und den Hang bis zur Grenze des Hartlhof hinauf an Schönheit gleichgezogen hat. Aber dann kann sich unser Bad Abbach eines wirklich einladenden Prachtstücks rühmen und an Besuchern und Gästen aus nah und fern wird es, wie zu wünschen ist, keinen Mangel haben.
Wegen der bedeutenden fremdenverkehrsmäßigen Neuerung halte ich einen Blick in die Vergangenheit dieser Stätte für angebracht.
Das Gelände, auf dem das Haus steht, und der näheren Umgebung stammt von der ehemaligen Donaumühle in der Gemeinde Schlossberg – Abbach, die wegen eines vernichtenden Brandes im Jahre 1910 aus dem Bewusstsein der Abbacher Bevölkerung verschwand.
Über deren Geschichte habe ich an anderen Stellen des online-Lesebuches bereits einige Male berichtet.[1]
Die Bezeichnung „Waldfrieden“ existierte in dieser frühen Epoche für diese Stelle noch nicht. Sie hatte andere, spätere Väter!
Die nach der Donaumühle folgende und erwähnenswerte Zeitspanne ist von der Familie Christian und Friedrich Ziegler geprägt. Sie beginnt mit dem Jahre 1835, als Christian Ziegler aus dem Mühlengrunstück Teile erwarb, um eine Weberei zu errichten.[2] Christian Ziegler, aus Wunsiedel/Ofr. stammend, nahm in der Geschichte von damals Schlossberg-Abbach einen herausragenden Platz ein: Er war der Initiator des Braunkohlenbergbaus in Abbach und der Wiedererwecker des Weinbaus um Abbach und Oberndorf. Sein Sohn Friedrich erwarb sich als Verhandlungsführer der oben erwähnten selbständigen Landgemeinde am Schlossberg bei der Vereinigung mit dem Markt Abbach (1892) große Verdienste.
In den 1920er Jahren gab die Weberei ihren Geist auf, und das Brüderpaar Fritz und Ferdinand Arnold erkannten, dass diese Stelle für ein anderes Gewerbe, das Gastgewerbe, interessant sei. Sie bauten die Webereifabrik um, was von erheblichen Schwierigkeiten begleitet war. Aber unter ihrer Ägide wurde der Name „Waldfrieden“ geboren.[3]
Am 2.6.1928 beantragte Fritz Arnold die Konzession für ein Ausfluglokal auf dem Haus Au Nr.4, dann Abbach Nr. 124[4] in der Augsburger Straße. Sie wurde vorläufig nicht erteilt, weil der Wirtschaftsteil des Hauses noch nicht fertig gestellt war. Am 11.6.1928 war es dann aber so weit, und der Eröffnung der Gastwirtschaft stand nichts mehr im Wege.[5] Die Inhaber des Betriebes zeigten aber offenbar keine glückliche Hand, und so kam es, dass er bis Anfang der 30er Jahre zur Disposition stand.
Am 31.März 1931 war die Firma Linxen und Hoign bereits für das Anwesen Au Nr. 4 zur Grundsteuer veranlagt. Nachdem sich aber die neuen Badbesitzer Linxen und Höign, in Bad Abbach nur mühsam etablieren konnten ( Steuer- und Abgabenschulden bei der Gemeinde!), konnte unter ihrer Führung das Ausflugslokal „Waldfrieden“ auf dem ehemaligen Webereigrundstück Ziegler keine Konzessionserteilung erwirken. Man versuchte es immer wieder bis 1934. Jedoch zur Erteilung der Konzession gab es immer wieder das bedeutende Hemmnis: Erst bei der Gemeinde die Schulden zahlen, dann Erhalt der Konzession! Schon ein Ratsprotokoll vom 7.9.1933 bringt zum Ausdruck: „Der Gemeinderat steht nach wie vor auf dem Standpunkt, dass gegen die Genehmigung keine Erinnerung besteht, sobald die gemeindlichen Gefälle und Schulden vollständig abgetragen sind.“[6]
Am 22.9.1933 betrugen die geschuldeten Abgaben die Summe von 1100 RM.[7] Am 14. 2.. 1934 standen Linxen-Höign endlich mit einer Summe von 950,45 RM gemeindliche Gefälle + 685,38 RM Biersteuer aus dem Betrieb des Badhotels in den Miesen.[8]
Es setzte sich die Verweigerung der Konzession für den Waldfrieden über den Juni 1934[9] hinaus fort, bis 1938 für die Jahre 1935/36/37 die Verbindlichkeiten für das Bad Hotel nachentrichtet waren.[10] Das Vertrauen der Marktgemeinde zu den Badbesitzern war nie sehr ausgeprägt, was z.B. aus der vorsichtigen Anfrage an die Brauerei Kuchlbauer in Abensberg über die Bierlieferung des Jahres 1938 zu schließen ist. Das sichere Resultat steht auf folgender Liste:

Bierlieferung 1939
Bierlieferung 1939

Eine Angestelltenstatistik der Jahre 1935 bis 1937 ist um den Betrieb Hotel Waldfrieden erst im Jahre 1938 ergänzt. Es waren insgesamt 18 Angestellte bei Linxen Höign im Gastgebergewerbe beschäftigt.[11] Ein einziger Mann war der Pächter der Badwirtschaft Alois Blenk.

Waldfrieden vor Abriss und Neubau
Waldfrieden vor Abriss und Neubau

Im Waldfrieden hatte der Teilhaber Johannes Linxen, sen. seinen Wohnsitz genommen, bis er nach Eintreten einer körperlichen Hilflosigkeit ins Rheumazentrum umzog, wo er bis zu seinem Tode von Maria (genannt Mirzl) Weber, Mutter der Inge Pukrop, aufopferungsvoll gepflegt wurde.. Teilhaber Höign residierte immer mitten im Markte, in Hs.Nr. 77, dann 10.
Linxen war eher ein musischer Mensch und entwickelte den Waldfrieden zu einer romantischen und gepflegten Stätte der Kurzweil. Man kehrte dort nach einem Spaziergang am Graben zur Schwefelquelle entlang, einige Schritte weiter süd-westlich, gerne zu Kaffee und Kuchen oder zu einigen Bierchen ein. Man erfreute sich auch im Übrigen einer exquisiten Küche.

Johannes Linxen sen.
Johannes Linxen sen.

Durch die Einwirkungen des 2. Weltkrieges auf das Haus, z.B. Verwendung als Lazarett – man flickte dort deutsche Wehrmachtsangehörige für den weiteren Einsatz an der Front zusammen – und durch den Tod des Johannes Linxen, sen. im Jahre 1955 wurde das Haus mehr und mehr der Attraktivität beraubt.
Es bleibt noch zu erwähnen, dass in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 der Waldfrieden von der Reichsregierung vor dem Heranrücken der Ostfront zur kroatischen Botschaft auserkoren wurde.
Was sich in der so genannten „Sozialabteilung“ der Botschaft im Waldfrieden abspielte, was sich vollzog und was sich dort entwickelte, war uns gewöhnlichen Einheimischen unzugänglich und daher unbekannt Der Großteil des Botschaftspersonals befand sich im Bad Hotel im Markte. Der Hauptsitz der Botschaft war aber, wie ich glaube, der „Waldfrieden“. Das Gebäude war mehr als heute in eine unberührte und malerische Umgebung versenkt und strahlte mitten im Krieg Ruhe und Frieden aus.
Nach der Übergabe der gesamten Liegenschaften und des Badebetriebs des Schwägerduos Linxen und Höign und des Waldfriedens an das BRK wurde letzterer zur Unterbringung von Kurgästen benötigt.
In dieser Zeit schwand der letzte Schmelz in rasantem Tempo dahin, vor allem, nachdem es die Abbacher Bürgerschaft in seinem Zustand mit hässlichen Anbauten nicht mehr als ihr ehemaliges Ausflugsziel erkennen konnte. Mit dem Ausbleiben der Kurgäste, hauptsächlich wegen der Gesundheitsreform in den 1990er Jahren, verkam der Waldfrieden leider bis zur Unkenntlichkeit.

Waldfrieden
Waldfrieden

[i]
Nun blickt der neue Waldfrieden mit seinen Besitzern, der Familie Nüßle, in eine neue Zukunft.[ii]
Vom Abriss des verkommenen Altbaues bis zum Neubezug des Hauses dauerte es nur vom Winter 2011 bis zum Herbst 2012. Es war eine Rekordzeit!
Das Gastzimmer verfügt über ca. 80 Plätze . Es sind auch vier Doppelzimmer für Übernachtungen vorhanden.
Die Besitzer sind jetzt Robert und Heidi Nüßle.
Robert ist gelernter Küchenmeister. Sein Weg führte über den Gasthof Schrammel in Pentling und einen 12jähigen Dienst bei der Bundeswehr in den Waldfrieden.
Seine Frau ist Heidi, geborene Bierek. Sie war früher Backwaren Verkäuferin und stammt aus Oberndorf. Das Ehepaar hat drei Kinder, Michael, Stefanie und Sandra. Wenn es darauf ankommt, helfen sie zur Bewältigung der neuen Aufgaben alle zusammen. Mindestens 15 Angestellte sind mit von der Partie, um die – wie zu hoffen ist – zahlreichen Gäste zufrieden zu stellen.

Waldfrieden Familie Nüßle
Waldfrieden Familie Nüßle

[1] Online Lesebuch Nr.39 : Mühlen in Abbach; Nr.49 : Die Bauern von Weichs, hier: Leonhard Blaimer von der Donaumühle; Nr. 82 : Abbachs Wälder früher und heute, hier : der Kurfürstenwald.
[2] Online Lesebuch Nr.55, Merkenswertes aus dem 19. Jahrhundert, 27.3.1835.
[3] Vgl. Online- Lesebuch N. 1, Geschichtlicher Rückblick auf dem Markt Abbach, 1928.
[4] RP ( = Ratsprotokolle) v. 02.06.1928. Archiv 8.6.1.
[5] RP v. 11.06.1928.
[6] RP v. 7.9.1933.
[7] RP.v.22.9.1933.
[8] RP. v. 14.2. 1934
[9] RP v. 9.6.1934.
[10] Gemeindeumlagenliste 1936/37 Beilage. Archiv XIII.21.4.3.b.
[11] Konvolut Verzeichnis der Gewerbe und Gewerbetreibenden, Formblatt B (Betriebskataster) Gruppe XX. Archiv XI.21.2.2.a.

Von |2022-01-13T18:19:53+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

149: Die Entwicklung (Bad) Abbachs in den letzten 100 Jahren – Statistisches

1. Abbach am Ende des 1. Weltkriegs 1919 [1]

Volkszählung 1919
Volkszählung 1919

2. Bad Abbach vor dem 2. Weltkrieg 1938 [2]

Volkszählung 1938
Volkszählung 1938

3. Bad Abbach nach dem 2. Weltkrieg 1960 [3]

Bevölkerungsstatistik 1960
Bevölkerungsstatistik 1960

4. Bad Abbach im Jahre 2012

Einwohnerzahlen 01.11.20122
Einwohnerzahlen 01.11.2012

Religionszugehörigkeit [4]

Stand: 01.07.2012 [5]

Religionszugehörigkeit 01.07.2012
Religionszugehörigkeit 01.07.2012

Finanzielles 2012
Auf jeden einzelnen Bürger von Bad Abbach treffen etwa 1000 € Schulden .
Das ist im Vergleich z.B. zu Berlin etc. noch nicht dramatisch. [6]

Haushaltszahlen 2012
Haushaltszahlen 2012

Am 11.04.2013 titelt jedoch die MZ: „Bad Abbach kommt von den Schulden nicht herunter. Der Haushalt ist durch Folgekosten von Beschlüssen der Vergangenheit bestimmt. Und so braucht der Markt neue Kredite für seine Aufgaben.“
Heute, im Jahre 2013 hat sich im Vergleich zur Nachkriegszeit die soziologische Situation grundlegend geändert. Es sind sechs früher selbständige Orte nach der Gemeindegebietsreform von 1973 nach Bad Abbach eingegliedert worden. Die Personenzahl hat sich auf 12 500 erhöht und die Bedürfnisse in der sog. modernen industriellen und automatisierten, auch globalen und virtuellen Welt sind explodiert. Für den Bereich Bad Abbach sollte die WIG detaillierte Auskunft geben können. Aber sie zählt nur die Mitglieder der Interessengemeinschaft.
Die normalen Bedürfnisse des täglichen Lebens bedienen momentan vier Discounter: Aldi Süd, Netto, Norma, Edeka. Ein Fünfter ist geplant. (2013)

Angaben der WIG (=Werbe- und Interessengemeinschaft)

Einzelhandel, Gastronomie, Freiberufler, Dienstleistungen, Handwerk und Gewerbetreibende:
Stand 2009 –2012 (müsste 2013 aktualisiert werden!)

· Apotheken (1)
Dienstleistung (48)
o Banken (2)
o Beratung/Planung (5)
o Bürosysteme/Software (3)
o Fitness (4)
o Friseure (3)
o Kosmetik/Gesundheit/Wellness (6)
o Rechtsanwälte (2)
o Reisen (2)
o Schule (3)
o Sport (3)
o Steuerkanzlei (2)
o Versicherungen (3)
o Werbung/Werbetechnik/Beschriftung/Webdesign (6)
o Einzelhandel (14)
o Direktverkauf (3)
o Geschenke (1)
o KFZ-Handel (2)
o Mode (2)
o Optiker (1)
o Tankstelle (1)
o Gastronomie (37)
o Biergarten (5)
o Brauerei (1)
o Bäckerei (2)
o Cafe (8)
o Imbiss (2)
o Metzgerei (1)
o Restaurant (16)
o Tanzlokal (2)
o Handwerksbetrieb (20)
o Bauen/Renovieren (11)
o Elektriker (1)
o Gartenbau (3)
o KFZ (2)
o Spenglerei (3)
o Ärzte/Heilberufe (13)
o Allgemeinarzt (3)
o Heilberufe (4)
o Zahnarzt (6)

Angaben der Handwerkskammer von Niederbayern in Passau

2 Änderungsschneider
1 Dekorationsnäher (ohne Schaufenstersekoration)
2 Einbau von genormten Baufertigteilen
1 Eisenflechter
1 Feinmechaniker
5 Fliesen, Platten- und Mosaikleger
2 Photographen
3 Friseure
4 Gebäudereiniger
1 Kabelverleger im Hochbau (ohne Anschlussarbeiten)
1 Kaminkehrer
1 Karosserie- und Fahrzeugbauer
2 Kosmetiker
1 Kraftfahrzeugtechniker
1 Maler und Lackierer
2 Maßschneider
1 Metal- und Glockengießer
1 Orthopädietechniker
1 Parkettleger
1 Schreiner [7]
Es sind auffallend wenige Handwerksbetriebe in Pasau gemeldet!

Das Telefonbuch wäre eine weitere Informationsquelle. ( Jeweilige Jahrgänge siehe im Archiv IV.19.4.3.!)
Gewerbesteuerlisten unterliegen dem Datenschutz
5.Statistisches – 16. bis 19. Jahrhundert (Gewerbe in Abbach )
siehe dazu Online – Lesebuch Nr. 118!

[1] Volkszählung am 8.10.1919. Archiv IV.
[2] Volks, Berufs und Betriebszählung am 17. Mai 1938. Archiv IV. 18.6.2.a.
[3] Bevölkerungsstatistik 13.08.1960. Archiv IV.18.6.3,a.
[4] Statistken aus dem Bürgermeisteramt Bad Abbach 6.12.2012. Frau Fritsch, Vorzimmer des Bürgermeisters
[5] Statistiken von der Marktverwaltung, Stefanie Zellner, 5.12.2012.
[6] Statistiken aus dem Bürgermeisteramt s. o.! Archiv IV.18..6.3.a.
[7] Angaben der Handwerkskammer von Niederbayern in Passau auf Vermittlung von Herrn Bezirkskaminkehrermeister Christian Linz Bad Abbach vom 24.01.2013.

Von |2022-01-13T18:08:54+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

150: Unter den Teppich gekehrt? – Wider das Vergessen. (Euthanasie)

Als ich am 25. Februar 2003 den Inhalt des Tresors im Rathaus zur Sichtung der wertvollsten Urkunden des Marktes Bad Abbach übernahm[1], entdeckte ich zwischen einer begrenzten Zahl von Kleinodien und einer Menge uralter Schriftstücke ein Büchlein, das ich an diesem Platze als Irrläufer empfand. „Führer durch die deutschen Heilanstalten“ war es betitelt. Es war vom „Verband Deutscher ärztlicher Heilanstalts-Besitzer und –Leiter“ im Bäder-Verlag, Berlin W 57 herausgegeben. Es fehlt die Jahreszahl der Herausgabe. Aus der Einleitung und der graphischen Gestaltung kann man aber darauf schließen, dass das Werk zum Ende der Weimarer Republik herauskam, als Hitlers Wahnvorstellung von der „Gesundheit des deutschen Volkes“ bereits aufkeimte und zur Morgendämmerung anstand.[2]

„(…) Möge er (der Führer, die Schrift, A.d.V.) für die deutschen ärztlichen Heilanstaltsbesitzer und –Leiter ein weiteres Bindemittel zum festen Zusammenschluss sein, damit wir trotz oder vielmehr gerade wegen des tiefen Niederganges unseres Volkstums unsere für die Gesundheit des deutschen Volkes so wichtigen Aufgaben immer besser und vollkommener erfüllen können.“
Warum war dieses verschlissene Büchlein in dieser finsteren Abgeschiedenheit versteckt, wobei viel bedeutendere Akten und Schriftstücke in unbedeutendere Ecken geworfen und allen interessierten Blicken freigegeben waren?
Gebe Gott, dass ich nicht Recht habe, aber es entstand in mir der Verdacht, dass ein leitendes Mitglied der Marktgemeindeverwaltung, das zum Tresor Zugang hatte, sich für einen aktuellen Fall in einer bestimmten Zeit kundig machen wollte, was aber hernach, als die Erinnerung an einen entglittenen Zugriff nicht mehr opportun war, wenn schon nicht ausgemerzt, so doch versteckt sein sollte.
Diese Entdeckung ließ mich in Anbetracht des selbst erlebten tragischen Falles während der Kriegszeit (1940 etc.) nicht mehr ruhen, und ich begann im Jahr 2003 eifrig zu recherchieren. Ich befragte eine Vielzahl von noch lebenden Zeitzeugen und vor allem Klassenkameraden und Altersgenossen. Was ich dabei erfuhr, möchte ich im folgenden Artikel aufzeigen.
Um 1940 lebte unter uns ein junger Mensch mit dem Namen Karl Robold, ein Kerl, der sich zu einem stämmigen Mannsbild entwickelte, kerngesund wie es schien, aber geistig biederer Natur, lustig, stets zu „Gesang“ , Späßen und Unsinn aufgelegt, von seinem Hauptlehrer oft gehänselt, und in einer 1500-Seelen-Gemeinde, wie Bad Abbach es damals war, allseits bekannt, aber ungefährlich und allgemein geduldet. Man hielt ihn für einen fröhlichen Idioten und gab ihm den Spitznamen Gowitsch(ko). Plötzlich aber war er verschwunden, keiner wusste wohin. Es hieß, er sei gegen den Willen der Familie in ein Heim für geistig Beschränkte eingewiesen worden. Wo sich die Anstalt befand, wusste angeblich keiner. Es gab aber Vermutungen, aber die Leute im „Geisthaus“ waren für geeignete Maßnahmen hilflos und hatten ohnehin in Abbach keine Lobby.
Der Krieg neigte sich dem Ende zu und da erreichte – wie es hieß – die Familie und den Ort die Nachricht, dass der Gowitschko gestorben sei. Bei gebotener Vorsicht zog man den Schluss, der arme Kerl sei bei Versuchen an geistig behinderten Menschen – man wusste nicht wo – umgebracht worden. Der Ausdruck „Euthanasie“ war Wissenden auch in Abbach bereits ein gängiger Begriff. geworden.
Altersgenossen, die kurz nach dem Krieg nach Hause kamen, wurde die Geschichte vom Verschwinden des Gowitsch erzählt, wie mir einige Betroffene berichteten.
Sobald ich als Archivar die Möglichkeit des Zugriffs zu Abbacher Akten hatte, suchte ich nach einschlägigen Hinweisen und Quellen. In der sog. Militärstammrolle von 1926 wurde ich fündig und meine Erinnerung an früher hielt ich für bestätigt.

Anlage zur Militästammrolle 1926 - Vorderseite
Anlage zur Militästammrolle 1926 – Vorderseite

Im Jahre 1943 wurde für die männlichen Jugendlichen des Jahrgang 1926 die Wehrstammrolle angelegt. Der Jahrgang umfasste 11 junge Männer, unter ihnen Karl Robold. Das Erfassungspapier sah die polizeiliche, kriminalpolizeiliche und politische Durchleuchtung des Probanden vor.
Für 10 Beteiligte gaben der Bürgermeister und der Landrat in Kelheim ohne weitere Untersuchung ihre Unbedenklichkeit bekannt.
Bei Karl Robold verlief die Angelegenheit anders. Es wurde die Polizeidirektion Regensburg, die Staatliche Kriminalpolizei Regensburg (am 13.5.43) und die Geheime Staatspolizei Regensburg (am 14.5.43) eingeschaltet.
Karl Robold befand sich wegen angeblicher Schizophrenie seit 17.9.1941 in Karthaus 1 [3]
Karl Robold war bei seiner Einlieferung 15 Jahre alt. Eine Sterbeurkunde gibt es am hiesigen Standesamt nicht, weil er ja in Karthaus Regensburg gestorben ist.
Auf die Geburtsurkunde hatte ich hier im Standesamt Zugriff.[4] Unter Nr. 31 des Jahres 1926 fand ich die Notiz, dass er am 4.6.1945 gestorben sei ( Standesamt Regensburg 1595/1945).
Diese Notiz ermöglichte mir, dass ich mich für Auskünfte aus der Sterbematrikel an das Stadtarchiv in Regensburg wenden konnte. Dort erfuhr ich, dass die Notiz in der Geburtsmatrikel von Bad Abbach zwar korrekt sei , aber bis zum Jahre 1953 am Sterbeeintrag Veränderungen vorgenommen worden seien, was auffallend und ungewöhnlich sei. Eine Kopie wurde mir auf meine Bitte hin zugestellt. [5]
Karl Robold starb offiziell also am 4. Juni des Jahres 1945, noch nicht einmal einen Monat, nachdem der Krieg aus war (8. Mai !). Er war noch nicht 18 Jahre alt. Als Todesursache ist Schizophrenie und Herzinsuffizienz im Matrikeleintrag angegeben. Letztere Ursache war bei ähnlichen Fällen immer angeführt, bei Karl Robold aber unverständlich. Den Tod meldete der Ausgeher Eduard Schmid aus Karthausprüll 1 mündlich ohne schriftliche Anzeige beim Standesamt in Regensburg.
Aber die Familie hatte, wie bekannt wurde, noch im Krieg, die Botschaft vom Tod des Sohnes erhalten.
Es stellt sich die Frage: Wann und woran starb Karl Robold wirklich, und was ist mit ihm in Karthaus gemacht worden, dass er in diesem blühenden Alter von 18 Jahren zu Grunde ging? Vermutlich gibt es auf die Frage keine Antwort mehr!
Aus der Geburtsmatrikel von Bad Abbach entnahm ich, dass Karl Robold der illegitime Sohn der ledigen landwirtschaftlichen Dienstmagd Anna Robold, wohnhaft in Abbach Schlossberg 17 1/3, dem sog. Geisthaus, war und am 7. August 1926 geboren wurde.
Die Mutter starb als Anna Stierr in Mittweida/Sachsen NB. Wenn jemand aus dem „Geisthaus“ stammte, war das damals nach gängiger Meinung hier zu Orte ein Geburtsfehler.

Rückseite Anmeldebogen
Rückseite Anmeldebogen

Bei Google, zum Stichwort „Regensburg/ Karthaus/ Euthanasie“, finden wir einen Hinweis auf „Wochenblatt“ vom 07.11.2011 zum Thema „Gedenken an Opfer des Nazi-Wahns in Karthaus“. Sie lesen : „641 Behinderte und psychisch Kranke fielen dem Rassenwahn in Regensburg ( allein 1940 bis 1941. A.d.V.) zum Opfer.(… ) Die nationalsozialistische Ideologie machte sich den damals gängigen eugenischen Gedanken der Wissenschaft zu Nutze, um dem sogenannten „lebensunwerten Leben“ den „Gnadentod“ zu gewähren. (…) . Die Angehörigen wurden mit bürokratischen „Trostbriefen“ zum Schicksal ihrer nächsten Verwandten getäuscht. Mit falschen Angaben, was die Zeit der Verlegung, des Todeszeitpunkts und der Todesursache anging, versuchte man die Bevölkerung zu beruhigen (…)“
Bei meinen weiteren Recherchen zur Euthanasie fand ich im Internet (Google) den Artikel „Euthanasie“ im NS-Staat: Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“, eine Besprechung des gleichnamigen Buches von Ernst Klee (Fischer Taschenbuch).
Dort heißt es, dass mit diesem Buch es zum ersten Male gelungen sei, „ bisher noch nie publiziertes Material ( zur Euthanasie. A.d.V.)zu entdecken. So ist es erstmals möglich geworden, umfassend die Tötungen von Geisteskranken, alten und behinderten Menschen zu dokumentieren und auch das Schicksal der Fürsorgezöglinge, Alkoholkranken, Arbeitslosen und der anderen Gemeinschaftsunfähigen oder „Asozialen“ nachzuzeichnen. (…)“[6]
In der Besprechung des Buches für Amazon durch Joachim Hohwieler [7] heißt es weiter: „Jede Gesellschaft hat kranke oder behinderte Mitbürger. Menschen auf die man besonders eingehen muss, die der Hilfestellung bedürfen. In der nationalsozialistischen Ideologie jedoch werden solche Personen schlicht und menschenverachtend als „lebensunwert“ deklariert, da sie für die NS-Welt keinen produktiven Beitrag darstellen. Die widerwärtige Konsequenz solchen Denkens war die Euthanasie. Diese Tötung behinderter, kranker oder alter Personen (sowie angeblich „Arbeitscheuer“) ist eines der abstoßendsten Kapitel des Nationalsozialismus, wurde hier doch in vermeintlichen Heilanstalten und unter Mitarbeit der Ärzte und Schwestern Massenmord an denen begangen, um die man sich hätte kümmern sollen.. (…)“
Die widerliche Praxis betraf also auch unseren Heimatort, darum gehört sie , wenn ich ehrlich sein will, zur Summe der Ereignisse, die ich im Online- Lesebuch berichtet habe. In der Druckausgabe „Bad Abbach – unser historisches, kulturelles und soziales Erbe“ wollte ich nicht davon berichten.
Heuer (2013) wurde am Sonntag, dem 27.Januar, der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus in Deutschland“ begangen.
Möge dem Land und Ort in Zukunft eine ähnliche Grausamkeit erspart bleiben!
Daten zur Erinnerung:
Weltkrieg: Kriegsbeginn 1914 : 01. 08.
1. Weltkrieg: Kriegsende 1918 : 11. 11.
2. Weltkrieg: Kriegsbeginn 1939 : 01. 09.
3. Weltkrieg: Kriegsende 1945: 08. 05.
[1] Übernahmeprotololl vom 25.02.2003.
[2] Verband Deutscher ärztlicher Heilanstalts-Besitzer und –Leiter.
Führer durch die deutschen Heilanstalten. Bäder-Verlag G.m.b.H.Berlin, W.57. o.J. Archiv XXIV.33.4.1.c.
[3] Aufenthaltsmeldung Nr. 567/ Anlegebogen zu Wehrstammrolle für den Jahrgang 1926. ArchivXV,14.1.2.b. Ab – legemappe.
[4] Geburtenmatrikel Nr.31/1926, Standesamt Bad Abbach, Auskunft vom 7.12.2011.
[5] Kopie des Sterbeeintrags vom 4. Juni 1945. Archiv XV.14.1.2.b
[6] Buchbesprechung zu Ernst Klee. Euthanasie im NS-Staat: Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Fischer Taschenbuch. 2009.
[7] A.a.O.

Von |2022-01-13T08:44:37+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

151: Die Zeiten, als ein Menschenleben nicht viel wert war

Die ethischen Werte der Menschen wandeln sich mit den Zeiten. „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis! », so hieß es schon bei den Lateinern – So müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen, ob uns das gefällt oder nicht, dass sogar das Verständnis von Ehe und Familie, ja die Auffassung vom Wert und den Aufgaben der Menschen, zeitbedingten Wandlungen unterworfen sind. Manche Wandlungen sind notwendig und berechtigt, manche aber sind verwerflich.

In der Nazizeit, die ich erlebte (1933 – 45), richtete sich der Wert des Menschen allgemein nach seiner Produktivität und seiner Akzeptanz in der politisch rechts gerichteten Gesellschaft. Der Wert der Frau wuchs zusätzlich mit ihrer Fähigkeit und Bereitschaft zur Reproduktivität. „Dem Führer ein Kind schenken“, war eine bekannte Rede. Der Führer benötigte Kanonenfutter für den Endsieg. Der Wert des Mannes richtete sich nach dem Maß seiner Wehrhaftigkeit „Dulce et decorum pro patria mori“, „süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“, was zuletzt aber keiner mehr glaubte.
Die speziell christlichen Werte, besonders die Feindesliebe, verdampften im Getümmel der politischen und militärischen Leidenschaften. Den Feind musste man liquidieren. Der einzelne Mensch, das Individuum an sich, das hinter dem Kollektiv „Feind“ stand, verlor seine Existenzberechtigung.
So kam es in der Zeit, von der ich berichte, zu „Kollateralschäden“ , für die man sich „kein Gewissen machen“ musste. So auch in Abbach.
Ich habe im „Online-Lesebuch“ ( Nr.86) von der Erhängung eines polnischen Zwangsarbeiters in einem Handwerksbetrieb hier am Ort berichtet. Der Mann hieß Felix Haberko. Er war 32 Jahre alt. Er soll sich an zwei deutsche Mädchen herangemacht haben. Die Gestapo (= Geheime Staatspolizei) entzog die Sache einem ordentlichen Gericht, vor dem er sich hätte rechtfertigen können. Ideologiegetreu machte sie kurzen Prozess durch Erhängen im Seidl-Steinbruch. Seine Eltern Wizenty und Marianna Haberko in Wolkorn / Polen mussten es nicht mehr erfahren, wie der Sohn vor die Hunde ging, weil sie beide schon verstorben waren.[1]
War es auch bei Sydor Wotoszyn so? Es scherte sich keiner darum. Er war ein ukrainischer Landarbeiter, Volkstumspole; und er war zwangsmäßig bei einem Guts-Pächter in Gemling beschäftigt. Er war am 17. Februar 1920 in Mosciska / Polen geboren. Welche Gründe trieben den 23 Jährigen, in Gemling abzuhauen? Es ist nicht berichtet. Auf der Flucht stellte ihn ein Abbacher Polizist (Name dem Verfasser bekannt) auf der Straße nach Oberndorf . Als der „Häftling“ (Flüchtling) sein Heil durch einen Sprung in die Donau suchte, ermordete ihn der Gendarmeriebeamte beim Schwimmen über die Donau mit einem gezielten Schuss aus der Pistole.. Es war der 1. September 1943, als er Arme von der Bildfläche verschwand. Fünf Tage später, am 5. September 1943, 14.00 Uhr, wurde er am linken Donauufer bei Kilometer 2397 tot aufgefunden.
Bürgermeister Albert Lehner meldete den grausigen Fund am 5. Oktober 1943 an die Kreisbehörde, der Landrat genehmigte am 2. Dezember die Eintragung im Sterbebuch von Oberndorf, was Bürgermeister Lehner am 31. Dezember in Unkenntnis näherer Fakten zu Person und Umständen der Hinrichtung vollzog.[2]
Doch mit der Kapitulation am 8. Mai 1945 war noch nicht Schluss mit der Willkür gegen das menschliche Leben! Waren es bisher die verdammten Nazischergen, die gewissenlos hinrichteten und mordeten, vollzogen dieses „Recht“ hernach die Befreier. Die Angst vor den Russen war wohlbegründet (Siehe Online-Lesebuch Nr.121 : Flüchtlinge und Vertriebene etc.). Aber die Amerikaner, die uns in Bad Abbach besetzten, waren die nicht anders?
Ich erinnere mich noch genau daran, wie es da G.I. s, gab, die Mitleid zu uns hungernden Kindern hatten und bereitwillig aus ihren Food Paketen austeilten, was sie selbst nicht verbrauchen konnten: Dosenfleisch, Käse, Zwieback, Trockenei und Trockenmilch. Wir Kinder riskierten viel, um an die begehrten Lebensmittel zu kommen. In manchen Fällen, z. B. wenn man einen geeigneten Tauschartikel hatte (Militaria), gaben die `feindlichen´ Soldaten sogar Zigaretten.
Auch willige Frauen freundeten sich mit Amis an, um an Schokolade, Leckereien oder andere lebensmittel zu kommen. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, es war eine holde Schar aus Abbach geladen , darunter auch einige verheiratete Frauen, die nicht mehr damit rechneten, dass ihr Ehemann vom „Felde der Ehre“ wieder zurückkommt. Beim alten Rathaus mussten solche einmal auf ein offenes Militärfahrzeug aufsteigen, um sich zur Untersuchung zum Gesundheitsamt in Kelheim karren zu lassen.
Eine übergroße Not an wichtigsten Dingen für das ganz einfache Leben mag die Schuld solcher Fehltritte mäßigen.
Vielleicht trieb der Hunger, oder auch nur die Neugier, den sieben Jahre alten Schüler Josef Robold aus dem „Geisthaus“ am 30. April 1945 am helllichten Nachmittag (15 Uhr) zum Militärlager an der Donau. Zwischen „Damm“ und „Köttterlbau“ (= Altwasser gegenüber Xaver Kötterl) hatten die Amis ein Zeltlager errichtet.
Der Ami, der gerade Wache schob, musste doch erkannt haben, dass sich da ein Kind näherte. War er besoffen oder ein Unmensch, wie es solche auch unter den „Befreiern“ gab und gibt ( Siehe Irak, Bagdad, Abu Graib!). Er schoss auf das Kind Josef Robold. Dieses starb an innerer Verblutung in Folge eines Bauch- und Brustdurchschusses. [3]
Bei dem allgemeinen Trubel der ersten Besatzungstage nahmen diese Tragödie nur wenige von hier zur Kenntnis und zum Anlass, zu protestieren. Stammte das Kind ja so wie so „nur“ aus dem Geisthaus. Hat man an diesen Tagen doch auch immer wieder einen gefallenen Soldaten in der Flur oder in einem Haus von Abbach gefunden, die man zur Beerdigung auf dem Friedhof im Leichenhaus bereitlegte.
Fünf von ihnen begruben wir, Pfarrer Alois Lehner, der Jugendliche Alois Müller und ich in einem gemeinsamen Grab hinter der Pfarrkirche. Irgendwelche Leute hatten ihnen vorher alles ausgezogen, was man noch weiterverwerten konnte.
Jahre später wurden die jungen Toten zum Leichenhaus hin umgebettet.
Josef Robold wurde gleich am Leichenhaus, an der Wand zur Kirche hin, beerdigt. Später legte man seinen Vater, den Hilfsarbeiter Johann Robold und seine Mutter Franziska bei ihm zur letzten Ruhe.
[1] Sterbematrikel Bad Abbach Nr.21 / 1942 v. 16. Oktober 1941. Kopie Archiv Haberko II.18.1.3.a.
[2] Sterbematrikel Oberndorf Nr.11 / 1943 v. 31.Dezember 1943. Kopie Archiv Wotoscyn s.o.!
[3] Sterbematrikel Bad Abbach Nr. 11/1945 v. 1. Mai 1945. Kopie Archiv Bad Abbach II.18.1.3.a.

Von |2022-01-13T08:36:58+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

152: Franz Xaver Marchner (1920 – 1986) an Otto Baumann – Gedanken

Exzerpt aus 18 Briefen und 1 Karte des Franz Xaver Marchner an Otto Baumann aus den Jahren 1973 bis 1984

Wie es scheint, empfanden sich beide Künstler als seelenverwandte Schicksalsgenossen. Es galt „Solamen socios habuisse malorum“. („Es ist ein Trost, im Elend Genossen zu haben“ – lateinisch) Dies ist der Leitsatz über alle Briefe.

Hier ein paar Kostproben:

Weltschmerz – Ergebung

1.2.1978

Heute früh erst konnte ich Ihren Brief vom 30.12.1977 aus Parkstetten dem Briefkasten entnehmen. Ich danke Ihnen sehr für Ihre tiefschürfenden Gedanken zum Dasein. Ich weiß vieles vom Leben und ich habe es in letzter Zeit oft gedacht und geäußert, ich möchte es in dieser Form ein zweites Mal nicht mehr haben. Vieles durfte ich erkennen und auch erleben, aber es war vieles auch so bitter hart, dass ich oft, in den besten und stärksten Jahren meines Lebens, weinte. Was, und ich glaube da sind wir Schicksalsgenossen, unser Leben so besonders hart gestaltete, ist die äußerst differenzierte Sensibilität für alle Empfindungen, Lüste und tiefsten Schmerz ansprechbar, und gleichzeitig minimal begabt für den heutigen Lebenskampf. Ich frage mich oft, wieso ist es mir nicht gegeben, oder vielen Künstlern, dass er wirtschaftlich ohne Sorgen leben kann von seiner Arbeit. (mit einer Familie!). Ich stimme dem Goethegedanken völlig zu, aber unbewusst kann man nur leben, wenn man jung ist, die Rechnung( en) für die schönen Stunden kommen aber mit Sicherheit im Alter. Wir können die Gesetze und Pläne unseres Schöpfers nicht ändern, alle und alles auf dieser Erde müssen das Kommen und Gehen schweigend hinnehmen, und ich glaube, es ist richtig und auch gut für uns alle. Nur der Gedanke, dass Hunderte von Generationen, die vor uns gelebt haben, noch lebten, dieser Gedanke allein gibt schon die Antwort. Seit längerer Zeit ist auch in mir das Bedürfnis zur geistigen Ordnung wach, denn man weiß weder den Tag noch die Stunde. Ich glaube, dass Gott uns so gewollt hat, wie wir sind. Vielleicht hilft unsere Arbeit anderen Menschen, die es noch schwerer haben, dass ihre Seele angerührt wird und Freude empfindet. Zu Ihrem Bilderverkauf meinen Glückwunsch!

Über Zahnprobleme und die Oberndorfer

Aus Ettal am 16.3. 1977

Herr Baumann, sind Sie mit den Zähnen vorsichtig! Die können einen ganz schön mitnehmen. Ich halte mich immer noch ein bisschen an der Zahnarztwand fest, um immer ein bisschen in Kontrolle zu sein. Goethe hat schon, wenn er von großem Schmerz sprach, von Zahnschmerz gesprochen. Ich hoffe, Sie haben auch das gut hinter sich gebracht. Nur nicht nachgeben. Sie sind ein unverwüstlicher Oberndorfer. Die reißen die Zähne mit der Beißzang.

Zu Frauen und die Kunst

Aus München am 30.11.1977

Ihren Brief habe ich mit großer Aufmerksamkeit gelesen und glaube, Sie auch zu verstehen, denn einige der Frauen, die mich umgeben haben, waren ähnlichen Kalibers, allerdings waren einige darunter, die waren „ unter dem Strich“. Da hat nur der Sex gestimmt. Ansonsten wurde mir das „Korsett“ immer sehr schnell zu eng. Auch hatte ich für Frauen nie Geld. Ich war froh, dass ich zu leben hatte und in Ruhe arbeiten konnte. Einige Male war ich sehr nahe daran zu heiraten, bekam dann immer wieder Angst, verwaltet zu werden, und so suchte ich stets das Weite wie Josef.

Aber zusammengefasst: Eine ist zu viel und keine ist zu wenig.

Ohne Geld als Maler zu leben ist mir immer sehr schwer gefallen, vielleicht hätte ich es getan, glücklich bin ich auch nicht. Ich glaube aber , der Mensch klingt nur voll in der Zweisamkeit, und für sein künstlerisches Tun ist eine Frau schon notwendig. Der Pferdefuss ist eben die sich daraus ergebende Enge.
Zum gleichen Thema aus dem folgenden Brief

Ihrer Frau möchte ich hier mehrmals sehr herzlich danken, dass sie sich so großzügig zeigte, und das große Opfer der „Trennung“ so widerspruchslos auf sich nahm. Aber eine kleine Trennung ist zwischendurch für eine Ehe auch einmal gut.

Von |2022-01-13T08:12:46+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

153: Johann Seidl – ein Mann, der das „Heil“ des „1000 jährigen Reiches“ über Abbach bringen wollte

Johann Seidl war eine der profiliertesten Persönlichkeiten in Abbach des „Dritten Reiches“.

Weil er hier am Ort, und auch darüber hinaus, in seinen politischen Positionen und als Bezirksbauernführer großen Einfluss ausüben konnte, ist Vieles, was ich aus dieser Zeit berichtete, im Lichte seines Wollens und Wirkens zu sehen. Schon ab 1935 wurde er neben dem Ortsgruppenleiter der NSDAP und Bürgermeister Georg Frank zum 1. Beigeordneten bestimmt. 1942 löste er als oberster NSDAP-Mann Georg Frank ab.

Seidl Johann

ohann Seidl wurde am 16.12.1880 in Unterbierwang, Gemeinde Grünthal, Kreis Wasserburg geboren. Er war Mitglied der katholischen Kirche und von Haus aus sehr religiös. Durch die evangelische Heirat in die Familie Oppel hinein wurde er bei den Katholischen irregulär, woran er im Alter sehr litt. Er stammte nämlich aus einem katholischen Bauernhof und hatte fünf Brüder und eine Schwester. Die Eltern hießen Jakob und Katharina Seidl. Die Verwandtschaft, die im nahen Umfeld lebte, war sehr umfangreich.

1907 befand sich Johann Seidl zum ersten Male in Weichs bei Abbach und hatte daran Gefallen gefunden. Es zog ihn dann aber als Verwalter nach Ziegelfeld, einem Nachbardorf von Gossenberg im Coburger Land in Oberfranken. Dort lernte er Frieda Oppel, die Stiefschwester des Ernst und Eduard Schulz kennen und lieben, und sie besiegelten ihren Bund mit dem Abschluss der Ehe, die jedoch kinderlos blieb.

Einer seiner Brüder, Alois Seidl, ließ sich ebenfalls in Bad Abbach nieder und lebte dort bis zu seinem Tode. Ihm und seiner Frau Therese gehörte das Anwesen in der heutigen Frauenbrünnlstraße, neben dem damaligen katholischen Kindergartren des Nikolausvereins. Er und seine Familie mit den zwei Kindern Resi und Reinhold hatten sich in Bad Abbach gut eingelebt.

Weitere genealogische Daten zu Johann Seidl waren nur durch umfangreiche Matrikelarbeiten in seiner Heimat Unterbierwang, bzw. Grünthal zu erhalten, spielen aber hier keine Rolle mehr. Aus seinem Geschwisterkreis stand zum Zeitpunkt meiner Recherchen kein Lebender mehr zu Befragungen zur Verfügung .

Johann Seidl mit Frau Frieda und Ernst Schulz, der Schwager, zogen dann zunächst als Pächter, zusammen mit der Mutter Berta Oppel, in das Gut Weichs, das damals Hermann

Fiedler, dem Blechgroßhändler aus Regensburg Stadtamhof, gehörte.

Es scheint im Zusammenleben der Genannten Schwierigkeiten gegeben zu haben, denn aus einem Schreiben an den neuen Bürgermeister Meindl mit dem Betreff „Ausscheidung aus dem Gemeinderat“ – leider ohne Datumsangabe – es muss sich aber um das Jahr 1925/ 26 gehandelt haben, als Johann Seidl für die Liste „Wirtschaftliche Vereinigung“ im Gemeinderat saß – ist Folgendes zu erfahren:

„Dem verehrlichen Gemeinderat zur gefl. Kenntnisnahme, dass ich, infolge meines Wegzuges von Weichs, aus dem Gemeinderat ausscheide und laut damaliger Vereinbarung unseres Wahlvorschlages als Landwirtsvertreter des Großgrundbesitzes für mich Dr. Frank ( Dr.?, A.d.V.) nachrücken dürfte.

Johann Seidl, Gutsbesitzer und erster Vertrauensmann des Wirtschaftlichen Wahlvorschlags.“

Johann Seidl war, wie ich aus eigener Bekanntschaft weiß (um 1960 begleitete ich ihn als Diakon einige Male auf seinem täglichen Weg nach Frauenbrünnl), im praktischen Lebensvollzug und in seinen Zielsetzungen ein Anhänger avantgardistischer Ideen.

Einmal war ich als neugeweihter Priester in seine Altenstube eingeladen.

Seidls Leitbilder waren, weil er angeblich auch selbst von Grund auf so dachte und fühlte, und seine Lehrer ihn so führten, Vorstellungen der pädagogischen Reformbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts, der sog. Kulturpädagogik, unter ihnen vor allem die Ideen des Eduard Spranger.
So war er von dessen grundlegendem vaterländischen Heimatbegriff durchdrungen, der dem Boden wie dem Blut der auf ihm lebenden Menschen eine fast mythische Bedeutung zumaß.

So stand er von vorne herein den Ideen sehr nahe, die später dem Nationalsozialismus eigen waren.

Für Hans Seidl war „ (.) „Heimat“ der Boden, in dem unser Leben, besonders unsere Kindheit und Jugend, Wurzeln geschlagen hat. Das ist nicht bloß der Ort, an dem wir geboren sind, auch nicht notwendig der Ort, an dem wir unsere Jugend verbrachten. Fern von beiden Orten kann man eine sog. Wahl-Heimat gewinnen. Heimat ist innere Verbundenheit des Menschen mit seiner Umgebung, seiner Familie und Lebensgemeinschaft, seiner Landschaft, seinem Stammes- und Volkstum, ist „geistiges Wurzelgefühl“.“[1]

Die Denkweisen von Johann Seidl entwickelten sich von sozial, katholisch, patriotisch, vaterländisch, völkisch, national, bis sie schließlich, der allgemeinen Tendenz folgend, nationalsozialistisch entglitten.

Ab da waren sein inneres wie äußeres absolutes Gesetz Befehl und Gehorsam. Ein Ausdruck dessen war z.B. seine Haltung bei der Auflösung des katholischen Kindergartens in Bad Abbach, die er betrieb. Dazu erfahren wir aus einem Brief des Pfarrers Alois Lehner an den Herrn Ortsgruppenleiter Seidl, Weichs: „(…) Bin in der gleichen Lage, wie Sie mir heute erklärten, dass ich die Weisungen meiner vorgesetzten Behörde vollziehen muss.“[2]

Aus seiner Blut- und Bodenideologie war es konsequent, dass er dem Bauern, der so sehr von seinem Grund und Boden geprägt ist, einen sog. „Bauernadel“ zumaß.

Es ist mir im Pfarrarchiv von Bad Abbach ein Brief des Pfarrers Hiendlmeier von Poikam, auf ein Schreiben Seidls Bezug nehmend, untergekommen, das die Bitte enthielt, der Pfarrer möge in der Familie Kraml in Eiglstetten ein Bauerngeschlecht genau untersuchen und namhaft machen, dem dieser Adel zugemessen werden müsse.

Der Pfarrer entsprach seiner Bitte, und Johann Seidl leitete die Unterlagen an die Kreisbauernkammer in Regensburg weiter.[3]

Die beabsichtigte Ehrung erfolgte erst nach dem Krieg mit einer entsprechenden Urkunde vom 1. Januar 1952.

Johann Seidl war ein Mann mit effektiven und registrierbaren Gegensätzen in seinem Herzen, wie es sich besonders bei seinen gemeindlichen und öffentlichen Anstrengungen immer wieder zeigte: Wie es befohlen war, wirkte er bei der Beseitigung der Wandkreuze aus der Schule und aus öffentlichen Räumen mit.

Ab 1942 schwang er, wie ich mich selbst erinnere, weil ich als Hitlerjunge wider Willen an den Appellen teilnehmen musste, am 9. November, dem Heldengedenktag, in Uniform markante Ansprachen am Kriegerdenkmal, das damals jenseits des Rathauses an der damaligen Augsburgerstraße stand. Er erinnerte an den heldenhaften Tod der Kämpfer für Adolf Hitler am 9. November 1923 bei der Feldherrnhalle in München, als der Hitlerputsch von der bayerischen Polizei niedergeschlagen wurde, was in seinen Augen natürlich ein Verbrechen war.

Abbacher Zeitgenossen wussten angeblich, dass er selbst mit einem Abbacher Gesinnungsgenossen an dem Ereignis in München teilgenommen hätte, was die legendären „familiären Beziehungen“ des Ritter von Epp, des späteren Reichsstatthalters in Bayern, zu Abbach, begründet hätte. In Geheimbünden oder „Familien“ werden keine Listen geführt, aber solche Bruderschaften sind oft sehr zielführend. Ein Effekt mag gewesen sein, dass die „familiäre Beziehung“ zur schnellen Verleihung des Titels „Bad Abbach“ am 7.3.1934 führte, den man vorher 10 Jahre lang vergeblich angestrebt hatte. Ritter von Epp ist Ehrenbürger von Bad Abbach.

Und nun eine andere Seite des Johann Seidl:

Im Jahr äußerster sozialer Not 1923, als weite Bevölkerungskreise hungerten, stellte er als Gutsbesitzer Milch[4], wenigstens für Babies, und Kartoffeln[5] für die Erwachsenen in großer Menge (200 Ztr.!) unentgeltlich zur Verfügung. 1922 hatte er eben erst als 2. Bürgermeister kandidiert, kam jedoch nicht zum Zuge, blieb aber Gemeinderat. Er finanzierte den Bau der Straße nach Peising. Im Jahre 1918, vor Übergang des Gutes Weichs auf ihn und den Schwager Ernst Schulz ließen sie für sich von der Gemeinde ein Leumundszeugnis ausstellen, worin gegen beide keinerlei Bedenken angeführt wurden.[6]

Weiteres über Johann Seidl ist in Statistiken über „politische Karieren“ zu berichten 1919 war Johann Seidl Mitglied des Gemeindeausschusses. Am 11.6.1922 kandidierte er als 2. Bürgermeister von Abbach, erhielt 23 Stimmen der der Ausschussmitglieder, was nicht genügte. (Weitere Kandidaten: Josef Aumeier, Landwirt, Dr. Schmitz, Arzt, Maximilian Hengge, Apotheker. Dr. Schmitz wurde 2. Bgm.). Am 7.12.1924 wurde er Gemeinderat (15. Platz von 22) auf der Liste „Wirtschaftliche Vereinigung“.

Am 9.12.1929 wurde er Gemeinderat (2. Stelle von 20) auf der Liste „Fortschritt“.

Am 22.4.1933 behauptete sich Johann Seidl als Gemeinderat (3. Stelle von 21) auf der Liste „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartrei NSDAP“/ „Kampffront schwarz-weiß-rot“, „Bauernbund“.

Am 7.3.1942 wurde Johann Seidl Ortsgruppenleiter der NSDAP (nach Georg Frank).[7]

Die letztgenannte Position brachte Johann Seidl und das ganze Gut Weichs nach Kriegsende 1945, als das sog. 3. Reich zu Ende war (8. Mai) , in arge Bedrängnis:

Zum Verständnis der Weichser Misere geht es nicht ohne Einsicht in den Spruchkammerbescheid vom 7.10.1947.[8]

Der öffentliche Kläger der Spruchkammer Kelheim hatte Johann Seidl, Gut Weichs/Bad Abbach, in die Belastetengruppe II. eingereiht. Seidls Vertreter war Rechtsanwalt A. Kölbig von Abensberg, der Vorsitzende der Spruchkammer Alfons Gottwald.

Aus diesem Bescheid erfahren wir, dass Johann Seidl vom 29.4.1945 bis 31.3.1947, fast zwei Jahre lang, in Moosburg in Internierungshaft gelegen hatte.

Er wurde also gleich nach den Kämpfen um Abbach, noch vor Kriegsende, im April 1945, in das Lager Moosburg gesperrt. Das Leben dort war eine harte Strafe für die frühere Position.

Ich kenne den Bericht von Martin Petschko, damals Gastwirtssohn und später selbst Gastwirt, dass er seinerzeit als Jugendlicher mehrmals mit dem Fahrrad nach Moosburg geschickt wurde, um dem Inhaftierten Johann Seidl ein „Fresspaket“ über den Zaun zu werfen, das ihn am Leben erhielt. Seidl sei so ausgehungert und ausgemergelt gewesen, dass er die Zeit in Moosburg ohne Hilfe aus der Heimat nicht überlebt hätte.[9]

Die Zeit der Abwesenheit Johann Seidls vom Hof in der Heimat war für den Betrieb und die beteiligten Personen eine starke Belastung.

Kommen wir aber zum Spruch der Entnazifizierungskammer von 1947, zwei Jahre nach Gefangennahme zurück:

1. „Der Betroffene ist minderbelastet Art. 11/I.

Die Bewährungsfrist beträgt 3 Jahre. Die Internierungshaft (…) wird mit 23 Monaten in Anrechnung gebracht.[10]

2. Es ist ihm während der Dauer der Bewährung untersagt:

a) ein Unternehmen als Inhaber, Gesellschafter, Vorstandsmitglied oder Geschäftsführer zu leiten oder ein Unternehmen zu beaufsichtigen oder zu kontrollieren, ein Unternehmen oder eine Beteiligung daran ganz oder teilweise zu erwerben,

b) in nicht selbständiger Stellung anders als in gewöhnlicher Arbeit beschäftigt zu sein,

c) als Lehrer, Prediger, Redakteur, Schriftsteller oder Rundfunk Kommentator tätig zu sein.

Als Unternehmen im Sinne des Abs. Ia. U.II dieses Art. gelten nicht Kleinbetriebe, insbesondere Handwerksbetriebe, Einzelhandelsgeschäfte, Bauernhöfe u. dergleichen mit weniger als 10 Arbeitnehmern.

3. RM 4000.- sind zu einem Wiedergutmachungsfond zu entrichten. Im Nichteinbringungsfalle tritt anstelle von 25.- eine Arbeitsleistung von einem Tag. Der Betroffene trägt die Kosten des Verfahrens. Streitwert 3818.“

Auf dem Hof in Weichs standen nach der ganzen Affäre dem jetzigen Abbacher Bürgermeister Mittermeier nun Schwager Ernst Schulz, auch belastet, Johann Seidls Ehefrau Frieda und endlich der Adoptivsohn Arno Seidl-Schulz als Adressaten und Vollzugspersonen treuhänderisch gegenüber.

Arno war 1946 nach schwerer Verwundung aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Gut Weichs zurückgekehrt. Da er politisch nicht belastet war, konnte er seinem Onkel Johann Seidl treuhänderisch zur Seite stehen.“

 

Johann Seidl starb am 15.05.1965 und ist, wie sein Schwager Ernst Schulz (+ 5.10.1969), in der Familiengruft auf dem Bergfriedhof in Bad Abbach bestattet.

 

NB. An dieser Stelle besteht Veranlassung, festzustellen, dass Georg Frank, Distrikttierarzt und ab 1933 – 1945, die ganze Nazizeit über Bürgermeister in Bad Abbach, den akademischen Titel eines Doktors (DR.) nie erwarb.

Nach damaliger Gepflogenheit wurde ein prakt. Arzt, Zahnarzt oder Dentist wie Tierarzt von den Leuten eben als „Herr Doktor“ angesprochen. Auch Frank nannten die Leute in Abbach dementsprechend halt so, weil sie nichts anderes wussten. Sogar in den Schriften und Adressen des Heimatvereins, Schützenvereins und der Liedertafel ist er nach dem Krieg überall als Dr. Frank aufgeführt. Er selbst hat jedoch nie als Dr. Frank unterschrieben, auch nicht in amtl. Schreiben der Gemeinde, wohl eingedenk, dass er den Titel nie zu Recht besaß.

 

[1] Spranger, Eduard. In: Der große Herder, 1933, Bd. 5, Sp. 1433.

[2] Brief des Pfarrers Alois Lehner an den Ortsgruppemnleiter Seidl. 7.3.1942. Archiv 7.2.1.a.

[3] Brief des Pfarrers Hiendlmeier, Poikam an den Gutsbesitzer Seidl in Weichs v. 5.9.1934

Pfarrarchiv Bad Abbach , Schrank III, 11. Varia, Sache Eiglstetten.

[4] Ratsprotokoll vom 31.Mai 1923, 1. Archiv 8.6.1.a.

[5] Ratsprotokoll vom 21. Nov. 1920, V. Archiv 8.6.1.a.

[6] Gebührenregister pro 1918 . Verifikationen. XXII.14.5.3.a.

[7] Akt Kindergarten / Nikolausverein. Archiv 7.2.1.a.a.

[8] Spruchkammerbescheid vom 7.10., 20.10., 24.11. 1947. Archiv V.19.5.3.a.

[9] Persönliches Gespräch mit Martin Petschko um 2000 bei einem Treffen in Frauenbrünnl.

[10] Nach Zusatzbescheid vom 24.11.1947 blieb noch eine Bewährungsfrist von ½ Jahr abzuleisten.

Von |2022-01-13T07:32:29+01:0013. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare
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