161: Zu den historischen Felsenkellern in der Marktmitte von Bad Abbach

Nach meiner Kenntnis benutzten die Abbacher Brauereien die Keller nicht in Kumulo und im Allgemeinen als Eislager. Wenn jemand die Keller als Eis- und Bierlager für die Sommerszeit nutzte, war es der anliegende „Obere Koller“ und seine Vorgänger, die der Reihe nach alle vollkommen bekannt sind.

Der „Untere Koller“ hatte seinen eigenen Eiskeller (Siehe Eingang Römerstraße, nahe Jungferngassl!). Auch die Brauerei Kraml im Markt hatte einen eigenen Keller. Gerbl entstand erst später, Maier, später Dirigel/Schreiner war von den aktuellen Felsenkellern zu weit entfernt. Der Vorrat an Sommerbier, auch Winterbier, war nicht so immens, dass man externe Keller brauchte. Es wurde in der Regel auf einer Tafel an der Straße angezeigt, wenn das Bier „reif“ war. Dann wurde es unmittelbar und fortwährend konsumiert. Verdorbenes musste weggeschüttet werden. Die Kontrollen waren sehr streng. Bier wurde nicht lange gelagert. So berichten vorhandene Akten.

Zur Napoleonischen Zeit Abbachs (1807 – 1813) war das Bier auf den Bauernhöfen, wo es auch gebraut wurde (Komunbrauereien), gelagert, und wurde von dort eimerweise requiriert (z.B. Weichs und Gemling).

Außerdem spielte im uralten Abbach das Bier keine so große Rolle. Das hauptsächlichste Getränk war im Uralt-Abbach der Wein. Das Bier galt als Notlösung nur, wenn der Wein wegen des schlechten Wetters nicht gedieh. Der Ausschank von Wein und Bier war streng geregelt. (Siehe Freiheitslibell von 1335, Gandershofer Reprint S.41 und 42, Anhang S.108).

Das Bier löste hier zu Lande den Wein als Hauptgetränk erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts ab. Dann gingen an den Jurahängen die Weinberge ein, und es wurde hauptsächlich Hopfen angebaut und geerntet.

Was die Brauereien gemeinsam hatten, war der Hopfenspeicher auf dem Boden des ehemaligen Landrichterhauses später „Meierisches Hofgut“ auf dem Friedelberg (nach 1810) (heute Schulbruck). Wegen des gemeinsamen Hopfenlagers gab es unter den Bräuern viel Streit. Wie hätte das mit dem Bier geendet?

Zu den Felsenkellern fand ich während meiner Zeit als Archivar (2000 – 2013) nur einen einzigen Hinweis in den Akten. Es war eine handschriftliche Quartierliste vom 22. Mai 1754 (Badeaufenthalt der Landesmutter Maria Anna) in der von einem „Hofkeller mit drei Nebenkellern und deren Zurichtung an Brettern“ die Rede ist (Siehe mein Buch S. 460, 2. Spalte, 1. Absatz) Der Begriff „Hofkeller“ müsste analysiert werden. Die alten Abbacher glaubten – und das war lebendige Tradition – dass es nach der rückwärtigen Ziegelwand weiterginge zur Burg, dass der Keller zur Hofhaltung des Landrichters auf dem Berg gehörte und nicht zum Badanwesen, das natürlich auch über ausgedehnte Ländereien verfügte.

Niveausenkungen und gelegentliche – Einbrüche, auf dem oberen Friedhof in Fortsetzung der Richtung des Felsenkellers, sowie Wasserlöcher nach starken Regenfällen ebendort, könnten diese Meinung bestätigen.

 

Die Herkunft der Ziegel für den Felsenkeller wurde einmal problematisiert. Da sei daran erinnert, dass es für Peisenhofen im 16. Und 17. Jahrhundert, und sicher schon früher, eine staatliche Ziegeleigerechtigkeit gab, die im 18. Jh. der Markt Abbach kaufte. Könnten die Ziegel nicht von dort stammen?

Heute hat der Markt Bad Abbach vor die Felsenkeller eine Stützmauer errichtet. Der Berg über den Kellern ist zu einer Art Galerie ausgebaut. Was mit dem Areal vor der Stützmauer geschieht, steht heute noch nicht fest.

Von |2022-01-12T18:08:11+01:0012. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare

162: „Heinrichsturm“ oder „Hungerturm“ – Was ist die zeitgeschichtlich adäquate Bezeichnung?

Meine Lehrer in der Volksschule von Bad Abbach (1940 – 1848) gebrauchten für den Bergfried immer die Bezeichnung „Hungerturm“. Wegen der sprachlichen Ähnlichkeit entglitt uneingeweihten Neuankömmlingen auch schon einmal der Name Hunnenturm, was wir Schüler aber sofort jeweils als Falschmeldung monierten. Wir hatten eben den „Hungerturm“ unserer unfehlbaren Lehrer und Vorfahren internalisiert, unbeirrt, konnte kommen, wer da wolle.

Die Bezeichnung „Heinrichsturm“ ist eine neuere Version, vielleicht bei Etlichen aus Motiven der gesteigerten Wertschätzung und Bedeutung des Denkmals und Ortes erwachsen. Sie erweckt aber die fälschliche Assoziation, was besonders bei Schulkindern irreführend wäre, dass der Turm etwas mit Kaiser Heinrich II. zu tun habe, der nach Aventin in Abbach geboren sei. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Heinrich den Turm geplant, gar gebaut, den Bau begleitet oder wenigstens gesehen habe.

Von all dem trifft aber nichts zu, denn der Turm wurde genau 200 Jahre nach dem Tod Heinrichs (1024/1224!) von Herzog Ludwig I. (dem „Kelheimer“) initiiert und hochgezogen.

Ich halte den Namen „Hungerturm“ für zutreffender – Ich bin für die alte Abbacher Tradition, dass die Burg, die sicher einen Vorgängerturm besaß, was Grabungen und Sprengungen für den Bau des Trinkwasserhochbehälters auf dem Burgbergareal 1928 vermuten ließen[1], in frühen Jahrhunderten immer wieder als Zuflucht der Bevölkerung gegen angreifende Horden diente, die die Bevölkerung ausraubten und ermordeten, wenn sie den geforderten Tribut nicht zahlen wollten oder konnten.

Es heißt, dass die Bevölkerung Abbachs, die um die Jahrtausendwende höchstens 500 Personen umfasste, soweit es ihr noch gelang, in den Bergfried flüchtete, wobei viele des Hungers starben, wenn die Belagerung zu lange dauerte. Aus dieser unsicheren Zeit und solch schrecklichen Ereignissen rühre der Name „Hungerturm“.

Der wirkliche historische Hintergrund für einen solchen Fall waren die Ungarnstürme vom ausgehenden 9. Jahrhundert bis zum Jahr 955, als die Schlacht gegen die Ungarn vor den Mauern Augsburgs auf dem Lechfeld stattfand, als diese vernichtend geschlagen wurden.

In kurzen Zeitabständen überfluteten die Ungarn bis dort das westlich gelegene Europa, bis Sachsen, Thüringen und Schwaben, überquerten den Rhein, kamen nach Ostfrankreich und Burgund. Auf dem Rückweg setzten sie bei Konstanz über den Rhein und zogen schwer mit Beute beladen durch Bayern. In der Nähe der Burg von Abbach griff sie 911 eine bayerische Streitmacht an, die aber von den Ungarn geschlagen wurde.

Für die Erwähnung der Schlacht zwischen den Bayern und Ungarn bei der Burg Abbach, genau in der Flur von Lengfeld, kam mir der glückliche Umstand zu Hilfe, dass mir Dr. Philipp Jedelhauser aus Kempten, mit mir aus der Zeit als Archivar in Abbach verbunden, Quellmaterial schickte. Dies tut er immer, wenn er in seinen Zusammnenhängen auf den Namen Abbach stößt.

Es handelte sich um einen Auszug aus einer ungarischen Chronik des 13. Jahrhunderts , den ich aus dem Lateinischen in das Deutsche übersetzen sollte.[2] Der Text stammt von Simon Keza, der am Hof des ungarischeh Königs Ladislaus IV. Lehrer und Priester war, den Ladislaus 1285 seinen Notar nannte.

Ich bringe hier meine Übersetzung der einschlägigen Passage (…):

Und als sie auf ihrem Rückzug bei Konstanz den Rhein überschritten hatten und mit reicher Beute beladen nach Bayern eingedrungen waren, überfiel sie nahe der Burg Abbach ein Alemanisches Heer aus dem Hinterhalt. Obwohl die Deutschen mannhaft Widerstand leisteten, werden sie am Ende der Schlacht mit Pfeilen niedergeworfen, wobei Hertnid von Schwarzenberg, der Marschal des Kriegsherrn (Herzog), das bedeutet sein Heerführer, und eine Menge anderer Edler mit ihm, obwohl sie einen Haufen Geld für ihre Rettung geboten hätten, vor Regensburg als Ziele aufgestellt und auf das Grausamste mit Pfeilen durchbohrt wurden, wobei Bürgersleute auf den Mauern standen und verwundert zuschauten. So kehren sie schließlich siegreich und mit schwerer Beute beladen in ihre Heimat zurück. (…)“

In der englischen Fassung von 1999 S. 90 finden wir in der Fußnote zu Abbach:

„(…) Abbach was a famous castle, a few km West of Regensburg,the 15th-century humanist Aventinus reports the emperor Henry II was born here. Aventinus is also our only other source for Abbach as a target of Hungarian raids (Anales Boiorum 5.21)“

Als zweite Quelle für die Schlacht gegen die Ungarn bei Abbach, die mir Philipp Jedelhauser zukommen ließ, nenne ich Johannes Thurmair`s Sämtliche Werke, herausgegeben von der K, Akademie der Wissenschaften, 5. Band, München, Christian Kaiser 1886.

In der Chronik S. 258 finde ich:

„Zu Lengfeld bei Abbach kamen inen die Baiern wider entgegen; aber die unglaubigen Ungern lagen ob, erschlugen aber vil Baiern und verbrennten die vorstet zu Regenspurg, so dieselbigen zeit gros warn: Ruckten darnach an der Thonau hinab und verbranten auch Osterhofen (…)“

Für seine Mithilfe für eine weitere Erhellung unserer Ortsgeschichte danke ich Herrn Dr. Philipp Jedelhauser.

Ich verweise auch auf das Abbacher Heimatbuch mit dem Titel: „Ungarneinfälle“ S.43-44, Herausgeber: Marktgemeinde Bad Abbach, 1973, Verfasser: Fritz Angrüner.

[1] Vgl. Zeitungsatikel vom 14.Mai 1928 ohne Nennung des Namens der Zeitung

[2] Simonis de Keza, Gesta Hungarorum,13.sc.
Neudruck der Chronik 1781/1782 Wien/Buda

Neueste Ausgabe in englischer Sprache Laszlo Veszpremy and Frank Schaer, Simonis de Keza, Gesta Hungarorum ,The deeds of the Hungarians, Budapest, New York 1999 S.XVI-XIX. S. 89-91(CEUPRESS DFGO3/45).

Von |2022-01-03T18:57:14+01:003. Januar 2022|Lesebuch|0 Kommentare
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