Eine spekulative Zeitreise mit den „Grafen von Abbach“.

Der bekannte Historiker Karl Bosl referierte im Oktober 1983 in Bad Abbach:

„Zwar ist Abbach als Geburtsort des letzten Sachsenkaisers und früheren bayerischen Herzogs Heinrich II. (als Bayerischer Herzog: Heinrich IV, A.d.V.) nicht gesichert, aber ein Zentralort königlicher – später adeliger – Herrschaftspolitik, königlicher locus (= grundherrschaftlich organisierter Besitz = königlicher Fronhof mit ausgedehntem Salland oder auch an leibeigene Bauern ausgetanem Hubenland (Villikation) ) ist es auf jeden Fall gewesen.“ [1]

In der Schenkungsurkunde von 1007[2] lesen wir: „Daher wisse sowohl die gegenwärtige Generation (…)als auch die in der Zukunft Folgenden, dass wir einen gewissen Ort unseres Besitzes, genannt Ahabah (…) mit all seinen Zugehörungen und Anlagen, nämlich Gehöften, Dörfern, Kirchen, Knechten und Mägden, Plätzen, Gebäuden, bebauten und unbebauten Landstrichen, Wegen und unbegehbaren Gegenden, Aus- und Rückwegen, gesucht und ungesucht, mit Wäldern und Forstungen, Jagdgründen und Fischwassern, Mühlen, unbeweglichen und beweglichen Dingen und allem Übrigen, das richtig beschrieben oder bezeichnet werden kann, zu irgendwelchem Nutzen (…) schenken und übereignen (…)“

In der Urkunde Heinrichs von 1007 ist auch der Zweck der Schenkung angegeben: „(…) dass dort ( gemeint ist in Bamberg, A.d.V) eine lebendige Erinnerung unserer selbst und unserer Eltern stattfände (…)“.

 

Es ist nach meiner Meinung wegen der Erwähnung der Eltern davon auszugehen, dass das übereignete Schenkungsobjekt von den Eltern ererbt ist, denen sich Heinrich, vor allem wegen des Erbes, verbunden und verpflichtet fühlt. „Ort unseres Besitzes“ bedeutet demnach so viel wie „unser väterliches Erbe“.

Die Frage an dieser Stelle, die zu beantworten wäre, lautet:

Wer waren die Vorfahren Heinrichs auf der Burg Abbach, wie weit zurück will er (bzw. wollen wir) diesen Begriff verstanden wissen?

Ich möchte, um Missverständnisse zu vermeiden, vorausschicken, dass ich nicht behaupten will, dass die Vorfahren persönlich selbst auf dieser Burg gelebt haben müssen. Die maßgebliche Pfalz der vorauslebenden Herzöge und Könige befand sich immer in Regensburg. Regierungssitz über das Herzogtum Bayern war nie Abbach, sondern Regensburg. Die Burg zu Abbach war wahrscheinlich Dependance, Sitz der Vögte, zeitweiliger Wohnsitz der Grafenfamilie oder der nachgeborenen Kinder, „Brotkorb“wegen der fruchtbaren Umlande, z. B. Weichs, befestigte Zuflucht.

Betrachten wir nun zunächst Kaiser Heinrich II. engeren Kreis seiner Vorfahren, und das sind nach gesicherten Quellen die sächsischen Herzöge in Bayern.

Als Bertold, ein Luitpoldinger, Bruder Herzog Arnulfs von Bayern (938-947) starb, schob König Otto I., der Große, dessen Sohn Heinrich, den eigentlichen Erben des Herzogtums, einfach zur Seite und übertrug das Herzogtum kurzerhand seinem eigenen Bruder Heinrich, der sich ab jetzt Heinrich I., Herzog in Bayern nannte (948 – 955).

Der Wechsel von den Luitpoldingern zu den Sachsenherzögen in Bayern war vollzogen.

Heinrich heiratete Judith, die Tochter Herzog Arnulfs von Bayern (Hz. 907 – 937) und so blieb die dynastische Linie zu den Karolingern wenigstens über das weibliche Erbgut erhalten. Die bayerischen Lande rebellierten lange Zeit gegen das sächsische Regiment, mussten sich aber schlussendlich beugen.

Der Nachfolger war Herzog Heinrich II., der Zänker ( 955-976 und 985-995). Er heiratete Gisela von Burgund (+ 1006), die ihm, wie den Abbachern bekannt ist, die Kinder Heinrich, Bruno, Gisela und Brigida schenkte. Sie werden in der Tradition von Burgau an der Mindel, betrachten wir es als Tatsache oder Legende, „Grafen von Abbach“ genannt. Durch diese Bezeichnung käme eine enge, dynastische, das Herrschergeschlecht bezeichnende Verbindung der Familie zur Burg und zum Sitz Abbach zum Ausdruck, wo immer sie sich in ihrem wirklichen Leben auch aufhielten.

Wegen fortgesetzter Rebellion gegen Kaiser Otto II. wurde Herzog Heinrich II. vorübergehend seiner Macht in Bayern enthoben (983-985), später aber wieder eingesetzt. Wegen der fortwährenden Differenzen mit Otto, erhielt er, obwohl ein durchaus frommer Mensch, den Beinamen „der Zänker“.

Der Vollkommenheit der Reihenfolge und der Zählweise der Heinriche entsprechend, muss erwähnt werden, dass in der Zeit der Versenkung Heinrich II. wegen Rebellion, der Sohn Heinrich des Luitpoldingers Berthold, Herzog wurde, den man Heinrich III. nannte.

Nach der Wiedereinsetzung des Zänkers in Macht und Würden war das Herzogtum wieder in sächsischen Händen. Auf den „Zänker“ folgte sein Sohn Heinrich IV. als Herzog von Bayern (995-1004 u. 1009-1018). Er heiratete Kunigunde von Lützelburg (+ 1033). Die Ehe blieb kinderlos.[3]

Damit hat sich der Kreis der engeren Familie Heinrichs II., des Gründers des Bistums Bamberg, der 1007 Abbach und mit ihm die „curia in wihse“ ( siehe Urkunde von 1224!) an die Benediktiner ebendort verschenkte, geschlossen.

Wollen wir aber den Kreis der Vorfahren weiten, um nach beliebter Manier auf Karl den Großen, den Repräsentanten Fränkischer Hausmacht über Bayern nach Ausschaltung Tassilos III, des letzten Agilolfingers, zu stoßen, dann müssen wir noch ein wenig bei dynastischen Überlegungen verweilen.

Das Heinrich-Buch Manfred Höfers scheint einer erweiterten Version zuzuneigen: „Wahrscheinlich kam die Burg Abbach durch die Heirat Herzog Heinrich I. von Bayern mit Judith, der Tochter Herzog Arnulfs von Bayern, in den Besitz des liudolfingischen Hauses. Möglich ist es aber auch, dass die Burg als ehemals bayerisches Herzogsgut mit der Belehnung Heinrichs I. von Bayern durch seinen Bruder Otto I. automatisch an den Herzog fiel. Da die Burg nahe der von den bayerischen Herzogen bevorzugten Stadt Regensburg liegt, gehörte auch Abbach zu ihren beliebten Aufenthaltsorten.“[4]

Bei größerem Rückgriff lag die Führung des Bayernstammes in der ältesten Zeit, etwa ab dem 7. Jahrhundert, beim Geschlecht der Agilolfinger. Das wissen wir aus der Lex Baiuvariorum. Über die Stammeszugehörigkeit der Agilolfinger fehlen jedoch sichere Angaben.[5]

Max Spindler, der Verfasser des grundlegenden Werkes „Handbuch der Bayerischen Geschichte“ vermutet, dass der erste genannte bayerische Herzog Garibald fränkischer oder burgundischer Abkunft gewesen sei.

„Merkwürdig bleibt“, konstatiert er, „dass in Bayern kein einziger Herrscher mit dem Namen Agilolf überliefert ist, dass aber ein Langobardenkönig so heißt, der aus thüringischem Stamm sein soll.“ Auch „eine Versippung der Agilolfinger mit dem schwäbischen Herrscherhaus, wenigstens seit dem achten Jahrhundert“, sei mit einiger Sicherheit nachgewiesen.[6]

War Ahabah zu dieser Zeit Agilolfingischer Besitz, dann änderten sich mit Karl dem Großen die Besitzverhältnisse. Aus Agilolfingischem Hausbesitz war fränkisches Königsgut geworden.

Ludwig der Deutsche, Abkömmling Karl des Großen, nannte sich selbst „König der Bayern“ und bezog ab 826 die Pfalz in Regensburg. Ab dieser Zeit waren auch für ihn ortsnahe Mittel zur Ernährungssicherung, wie sie u.a die Lande um Abbach bieten konnten, von großer Bedeutung.

Wie weit wir die Besitzerreihe, deren Erbe Heinrich war, fassen, so weit war Abbach, je nach herrschendem Regiment, Herzogsgut oder Königsgut Wir müssen uns jedoch hüten, aus diesen anspruchsvollen Titeln, die wir Heutigen vergeben, für die Abbacher einen gehobenen Lebensstandard und ein erlesenes Outfit zu folgern.

Die Bezeichnung Abbachs als „Ort unseres Besitzes“ könnte Heinrich in weitem Umgriff auf diese damals einige hundert Jahre währende genealogische Vergangenheit verstanden haben.

 

Ich stelle aber fest, dass diese Analyse eines Begriffes mit der Aussage Aventins, dass Herzog, König, Kaiser Heinrich in Abbach geboren sei, nichts zu tun hat.

[1] Bosl, Karl. Abbach als Zentralort königlicher und adeliger Herrschaftspolitik an der Donau im frühen und hohen Mittelalter. Heimatverein Bad Abbach, Heft 10/ 1984, S.3.

[2] MGH DD III, 146, HStA. Übersetzung von Alfons Kraus zum Jubiläumsjahr 2007.

[3] Vgl. Spindler, Max. Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd.1 Das Alte Bayern, Das Stammesherzogtum, C.H. Beck V., München 21981 S.669 (Stammtafeln).

[4] Höfer, Manfred. Kaiser Heinrich II. Bechtle Verlag Esslingen, München 2002, S. 19.

[5] Vgl. Spindler, Max. a.a.O. S. 136.

[6] a.a.O.S. 137f.